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Daniela Auf Mt Stormking

Momente – Geschichten – Erinnerungen (Teil 6)

Abenteuer PPP

Teilnehmerbericht von Daniela Vogel, Industriemechanikerin aus Bayern

„’Wo willst du denn in den USA platziert werden?‘ – Diese Frage stellte ich mir vor ca. einem Jahr. Ich schlug also die Karte der USA auf und recherchierte über verschiedene Orte. Meine Prioritäten waren dann: Georgia auf Platz eins – oder eben Pennsylvania oder Ohio. Als ich dann meine Platzierungsmail bekam las ich mit großem Erstaunen: Spanaway, Washington. ‚Wo ist denn das?‘, fragte ich mich. Schnell hatte ich Google Maps geöffnet und stellte fest: Georgia – meine Wunschplatzierung – rechts unten. Washington – meine tatsächliche Platzierung – links oben. Ich konnte es kaum glauben, denn weiter entfernt hätte ich wohl von meinem Wunsch nicht sein können. In den darauf folgenden Tagen und Wochen erzählte ich fleißig, dass ich in Washington State platziert bin. Die einzige Rückmeldung die ich daraufhin bekam war: ‚Ist das nicht da, wo es immer so viel regnet?‘ Mit einem grummeligen ‚Ja‘ konnte ich den Leuten nur recht geben, denn die Statistiken sprachen für sich. Ich habe mir daraufhin so einige Horrorszenarien vorgestellt, wie ich die ganze Zeit zuhause sitze oder jeden Tag mit einem Regenschirm gewappnet zur Schule aufbreche. Und nun zur Realität: Ja – es regnet viel. Um genau zu sein, ist dies der regnerischste Frühling seit Beginn der Wetteraufzeichnungen hier. Ein Weltuntergang?

Danielas neu entdeckte Leidenschaft: Die Bergwelt rund um Seattle erwandern.

Definitiv nicht, denn ich habe festgestellt: Man muss für das Leben im Paradies einfach seinen Preis zahlen. Ich habe hier das Wandern für mich entdeckt und verbringe eigentlich jedes Wochenende irgendwo in den Bergen, in den Wäldern oder an der Küste. Ich war auch im Regenwald und die Landschaft hier ist einfach unglaublich schön und grün. Ohne den vielen Regen, gäbe es wohl nicht so eine atemberaubende und grüne Natur. Dafür nehme ich dann doch gerne den Regen in Kauf. Einen Regenschirm benutzt hier sowieso keiner – jeder ist mit seiner Regenjacke ausgestattet und man glaubt kaum, wie viele Menschen man trotz Regen draußen auf den Wanderwegen trifft.

Zu meiner größten Herausforderung und Veränderung: Ich bin zwar ein sehr sportbegeisterter Mensch, jedoch habe ich selbst immer den geringsten Weg des Widerstandes gewählt und stand z.B. beim Handball ’nur‘ im Tor (auf dem Feld wäre ja zu anstrengend). Diese Eigenschaft hat sich hier sehr verändert. Durch den Sohn meiner Hostmum bin ich zu einer Facebook Gruppe gekommen, die ‚Washington Hikers and Climbers‘ heißt. Täglich werden in dieser großen Gruppe Fotos von Wanderungen gepostet und mir war klar: Es gibt so viele schöne Orte da draußen, da kann ich einfach nicht zu Hause sitzen bleiben.

Für diese Aussicht hat sich die Anstrengung gelohnt: Blick auf Mt Rainier von Mount Si.

Hätte mir vor einem Jahr jemand erzählt, dass ich freiwillig 6h Wandern gehe und Berge von 4000 Fuß Höhe erklimme, dann hätte ich ihnen wohl den Vogel gezeigt. Aber es ist wahr: Ich bin der Natur verfallen. Es ist super anstrengend und ich muss mich selbst stets aufs Neue überwinden, um nicht aufzugeben. Ich bin einfach körperlich nicht in bester Form, aber ich habe diesen riesigen Willen es doch zu schaffen. Ein nettes Beispiel: Ein schöner Wanderweg in der Nähe von Seattle ist Mount Si. Etwa 3200 Fuß erstrecken sich auf 3.2 Meilen. Es ist ein super anstrengender Wanderweg, der mich bis an meine Grenzen gebracht hat. Mit zitternden Beinen, einer schmerzenden Hüfte und völlig außer Atem stand ich dann auf der Spitze und konnte die Aussicht über das Snoqualmie Gebiet genießen. Ich habe für den Wanderweg fast 4h gebraucht – und in der Facebookgruppe konnte ich sehen, dass Leute den Wanderweg auch in 2h schaffen. Kurz bevor ich also zu meinem Praktikum nach D.C. aufgebrochen bin, wollte ich mir nochmal beweisen, dass ich besser geworden bin und dass ich alles schaffen kann, was ich will. Ich habe den Berg erneut erklommen, mich erneut an die Grenzen gepusht und habe ihn in 3h und 10 Minuten geschafft. Natürlich immer noch nicht so schnell wie viele andere Profis – aber das macht meine Erfahrung nicht weniger wert.

Eine weitere große Herausforderung war es Freunde zu finden. Bei einem Altersdurchschnitt von fast 30 in jeder meiner Collegekurse war das eine sehr große Aufgabe. Viele meiner Mitschüler hatten Jobs und mussten nach der Schule direkt weiter zur Arbeit. Es hat also sehr viel Zeit in Anspruch genommen Verbindungen aufzubauen. Es sind auch bis heute nicht sehr viele – dafür sehr, sehr gute und enge Freunde. Einen dieser Freunde habe ich sogar nun zum Wandern angesteckt. Obwohl er schon seit einigen Jahren hier lebt, war er kein einziges Mal wandern – er war erst ein paar Mal am Strand und kam eigentlich nie wirklich raus aus der Stadt. Außer Grafikdesign und Fußball hatte mein Freund CJ nicht viel mehr im Sinn.

Daniela und ihr Wander-Partner CJ im Smith Rock State Park.

Eines Tages habe ich ihn einfach mal gefragt, ob er mich zu einer Wanderung begleiten möchte. Seitdem ziehen wir ständig zusammen los und entdecken neue Orte. Vor ein paar Wochen ging es zu dem Berg Mt Stormking – ein sehr steiler und anstrengender Wanderweg (3.8 Meilen Roundtrip, 2000 Fuß Höhe). Durch sein Hobby Fußball ist CJ natürlich viel fitter als ich – so musste er an so mancher Stelle kurz auf mich warten, bis ich mich hochgekämpft habe. Kurz vor der Spitze angekommen, wendete sich das Blatt. CJ wollte nicht mehr weiter laufen – er hatte einfach Angst. Und daran habe ich erkannt: Wir ergänzen uns sehr gut. Ich bin zwar körperlich nicht fit – habe aber diesen unglaublichen Willen es zu schaffen – und CJ ist körperlich fit – aber am Willen scheitert es dann. Letztendlich habe ich ihn überredet und ihm meine Hand ausgestreckt und gesagt: Zusammen schaffen wir das. Und das haben wir dann auch.

Es gibt so viele kleine Geschichten, die dieses Jahr so unglaublich machen. Es zeigt sich für mich: Wenn ich etwas wirklich will – dann kann ich es auch schaffen.“

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