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Pia 1

Momente – Geschichten – Erinnerungen (Teil 2)

Abenteuer PPP

Teilnehmerbericht von Pia Zumkley, Rechtsanwaltsfachangestellte aus Bayern

Pia berichtet von ihrem unvergesslichen Jahr in Alaska, in dem sie bereits einige spannende Abenteuer erlebt hat. Nach ihrem Besuch bei Santa Claus und ihrer Mitarbeit bei einem Hundeschlittenrennen hat sie es nun auch in den hohen Norden geschafft. Hier erzählt sie von ihrer Reise in die Arktis, bei der sie neben der faszinierenden Landschaft auch indigene Traditionen und Bräuche kennenlernen durfte:

„Heute möchte ich von meinem bisher größten Abenteuer berichten. Meiner Reise an das Ende der Welt: Äußerst aufgeregt stieg ich in den Flieger nach Utqiagvik/Barrow und landete nach einem herrlichen Flug quer durch Alaska in der weißen Unendlichkeit. Die Stadt Barrow, welche vor kurzem den ursprünglichen Native-Namen Utqiagvik – heißt so viel wie „Platz, wo man Schneeeulen jagen kann“ – wieder angenommen hat, ist die nördlichste Stadt der USA und liegt ca. 2100km südlich vom Nordpol. Von den knapp 7400 Einwohnern sind gut 65% Inupiaq (Native-Americans). Die Sonne geht so gut wie gar nicht mehr unter, selbst um Mitternacht ist es noch taghell. Bei diesen über 16 Sonnenstunden pro Tag ist an einen Rhythmus und an Schlaf überhaupt nicht zu denken. So konnte ich an meinem ersten Tag in der Arktis den Abend noch lange genießen.

Am nächsten Tag durfte ich an einer Inupiaq-Tanzstunde teilnehmen. Viel hatte ich schon gelesen und gehört über diese traditionellen Tänze, da es erst vor kurzem in meinem Natives Kurs im College thematisiert wurde, jedoch hatte ich keine Vorstellung, wie viel Spaß das macht! Jede Bewegung hat eine Bedeutung und mit dem rhythmischen Klang der traditionellen Trommeln könnte man einfach immer weiter tanzen. Nach dieser tollen Erfahrung besuchte ich das Inupiaq Heritage Center und sah tolle Ausstellungen zu Kunst und Traditionen der Einheimischen. Um die Ecke konnte man Inupiaq-Künstlern beim Schnitzen von Elfenbein und Barten zusehen. Danach machte ich mich auf zum Supermarkt und wäre am liebsten beim Anblick der Preise schreiend hinausgelaufen. Eine Gallone Milch 11$, 500gr. Nutella 27$, 12 Rollen Toilettenpapier 20$, eine Gallone Sprit 5,90$. Ich war noch nie so froh, dass ich mir mein eigenes Brot mit Käse mitgebracht hatte. Eine leise Vorahnung der Preise hatte ich ja durch Nome schon, aber dass es so teuer ist, hätte ich nicht gedacht. Nach und nach wurde es mir dann klar, es muss ja alles erst nach Alaska geschifft und dann nach Barrow hochgeflogen werden.

Auf diesen Preis-Schock brauchte ich erstmal ein Eis und stiefelte dick angezogen mit dem wohl teuersten Eis am Stiel, das ich mir je gekauft habe, runter an die Chukchi See.

Mit dem wohl teuersten Eis am Stiel und Blick auf die Chukchi See.

Dort genoss ich die teure Süßigkeit mit einem atemberaubenden Blick auf das weiße Nichts. Bei den Temperaturen (minus 15 Grad Celsius) brauchte ich mir wenigstens keine Gedanken über schmelzendes Vanilleeis zu machen. Ich schlenderte an der Küste entlang zum berühmten Whalebone Arch. Ein Bogen aus zwei riesigen Walknochen direkt an der Küste. Leicht tiefgefroren stakste ich abends zurück ins Hotel und konnte vor Vorfreude auf den nächsten Tag kaum schlafen. Ich bekam die Chance, eine Gruppe aus dem College raus auf das Eis zu begleiten!

Am Vortag lieh ich mir im Forschungszentrum noch die richtige Kleidung aus und hüpfte aufgeregt zum Treffpunkt. Mit 4 Paar Socken, zwei Paar Hosen, 4 Oberteilen und zwei Paar Handschuhen fühlte ich mich zwar wie ein ausgestopftes schwangeres Michelinmännchen, aber mich hat nicht gefroren! Gut eingepackt ging es mit den Schneemobilen raus auf das Eis, kleine rote Fähnchen und alte Autoreifen dienten als Wegweiser, denn das Eis ist gefährlich. Ständig bewegen sich massive Eisblöcke und hinter jedem haushohen Massiv muss man mit Eisbären rechnen. So gerne ich so einen aus der Ferne gesehen hätte, jeder in der Gruppe hatte größten Respekt vor diesen Tieren, welche auch gerne Mal einen Menschen auf die Menükarte nehmen.

Nach einer Stunde Fahrt kamen wir auf einer großen Eisscholle an und vor uns lag das Camp der Walfang-Crew. Traditionelle Boote, sog.  „Umiaqs“ standen neben Zelten, Alubooten, Gewehren und Harpunen. Wir stiegen nochmals auf die Schneemobile und bahnten uns einen Weg über die Eisberge, als sich nach kurzer Zeit die unendliche Weite des arktischen Ozeans vor uns erstreckte.

Pia am Point Barrow, dem nördlichsten Punkt der USA.

Da stand ich nun am Rande der Eisscholle und blickte in die Unendlichkeit. Tränen rollten an meinen Wangen hinab und mit verklärtem Blick nahm ich einen Buckelwal wahr. Hoch schoss die Fontäne gen Himmel als er atmete und mit ungeahnter Wucht schlug die Fluke beim Abtauchen auf die Wasseroberfläche. Ich drehte mich langsam zu meiner Rechten und vor mir erstreckten sich kilometerlang die grotesk geformten Eisplatten in den Horizont. Der klare Himmel lieferte sich einen Wettstreit mit dem Blau des Meeres, die Sonne wurde stark von dem Eis reflektiert, welches in den verschiedensten Weiß- und Blautönen schillerte; alles erschien mir so unecht. Immer mehr nahm ich nun die Umgebung wahr, sah die vielen Schneemobile der Crew, die Boote zu meiner Linken und nun auch den Wal. Dieser wurde am Tag zuvor von der Crew gefangen, konnte aber aufgrund extrem schlechter Wetter- sowie Eisverhältnisse nur zur Hälfte verarbeitet werden. Der Anblick des riesigen Tieres stand im starken Kontrast zu der Umgebung. Wir verbrachten den ganzen Tag mit der Crew, mir wurden verschiedene Jagd-Taktiken erklärt und warum der Klimawandel eine so große Rolle beim Walfang spielt. Neugierig fragte ich alles woran ich denken konnte und bekam geduldig Rede und Antwort gestanden. Was man von einem Wal alles verarbeiten kann! Von dem Fleisch über die Knochen bis hin zu den Barten wird alles verwendet, nichts wird verschwendet.

Die meiste Zeit starrte ich fasziniert auf den Ozean hinaus. Schwärme von Prachteiderenten flogen knapp über der Wasseroberfläche und hie und da sah man in der Ferne ein Boot der Crew.

Pia erfüllt sich einen Traum und taucht ihre Hand in den eiskalten arktischen Ozean.

Kurz vor der Abfahrt wollte ich mir noch einen Wunsch erfüllen. Kaum fähig mich zu bewegen, legte ich mich langsam auf den Bauch und robbte bis an das Ende der Eisplatte, zog meinen Handschuh aus und steckte meine Hand in den arktischen Ozean. Hui war das kalt! Schnell zog ich meine rot gefrorene Hand wieder aus dem Wasser, schob mich langsam wieder zurück und richtete mich schwerfällig auf. Strahlend stolperte ich mit meinen viel zu großen Arctic-Boots zurück zu den Schneemobilen und drehte mich ein letztes Mal um. Der riesige Wal ragte in die Höhe, die Crew winkte und der Ozean erstreckte sich ruhig in die Ferne. Wieder rollten die Tränen, schnell schob ich mir meine Sonnenbrille auf die Nase und vermummte mein Gesicht hinter der Fleecemaske. Wir jagten in hoher Geschwindigkeit durch die Eiswüste, vorbei an Eisbärspuren, Schneelandschaften und Eisgebilden, bis wir plötzlich wieder Point Barrow erreichten. Auf der kleinen Anhöhe stehend, blickte ich hinab auf die unendliche Weite und konnte es nicht begreifen, mein Herz hüpfte glücklich auf und ab und ich strahlte über beide Ohren. Begreifen, nein, begreifen werde ich dieses Erlebnis wohl lange nicht. Ich habe es geschafft. Mein Traum ging in Erfüllung. Ich stand am Ende der Welt und habe meine Hand in den arktischen Ozean getaucht und die unendliche Weite bewundert. Wie viele Generationen nach mir das wohl noch erleben dürfen? Ich bin so unendlich dankbar für diese Erfahrung und werde diese Reise nie vergessen.“

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