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Heute Hier – Morgen Dort

Heute hier – morgen dort

Knapp acht Monate verbrachten die Stipendiat*innen des 36. PPP in den USA bzw. in Deutschland. Mitte März kam dann der große Schock: die Programmsponsoren beschlossen übereinstimmend, das Programm zum gesundheitlichen Schutz aller Teilnehmer*innen vor COVID-19 zu beenden. Binnen weniger Tage mussten die Teilnehmer*innen ihr neues Leben verlassen. Nach all den Mühen, sich in einem anderen Land mit einer fremden Sprache und anderen Sitten zurecht zu finden, saßen plötzlich alle wieder in einem Boot. Und was bleibt, sind viele Erinnerungen, Freundschaften und Erkenntnisse, über die der US-amerikanische Teilnehmer Matthew Fleck in seinem Artikel berichtet.

In seiner ersten Vorlesung hat ein Professor von mir bei der FH-Münster uns von vier Regeln des Lebens erzählt. Sie waren: ehrlich sein; Ruhe bewahren; dankbar sein; und alles ist genau so wie es sein soll, d.h. alles geschieht aus einem Grund. Knapp sechs Monate später, nach dem plötzlichen Abbruch meines Jahres und Lebens in Deutschland wegen des Coronaviruses, denke ich an diese Regeln, das Programmjahr und daran, was nun kommt.

Ich bin Matt Fleck, 24 Jahre alt und stamme aus dem Bundestaat Virginia, wo ich jetzt wieder wohne. Ehrlich gesagt, wäre ich aber lieber noch in Münster, wo ich im zweiten Teil des Programms an der Ecke über einem süßen Café wohnte, bei der FH und Uni Münster studierte, und wo ich bei der Nordrhein-Westfälischen Klimakommune der Zukunft in der Gemeinde Saerbeck arbeitete. Als wir die Nachricht über den Abbruch des Programms bekamen, hatte ich kurz vorher das Gefühl gehabt, dass ich ein Zuhause in Münster bilden könnte.

Wanderung in den Alpen mit weiteren PPPlern

Ehrlich gesagt, benötigte es viel Mühe, dieses Gefühl zu erreichen. Wegen eines bürokratischen Missverständnisses musste ich im November meine eigene Wohnungssuche durchführen und danach umziehen. Es dauerte eine Weile, Freundschaften zu entwickeln, und im grauen Winter gab es eine Menge an einsamen Momenten. Nun fühle ich mich tieftraurig, weil ich die Menschen, mit denen ich dann Freundschaften zu haben begonnen hatte, verlassen musste. Es ist bittersüß, mit diesen Leuten nun zu telefonieren und ihre schöne Sprache zu hören, weil sie dort sind, wo ich eben war, wo die Sonne endlich scheint und Blumen blühen, wo wir Pläne hatten, Fahrradtouren zu Schlössern zu machen und wo ich angefangen hatte, wirklich glücklich zu sein. Ehrlicherweise habe ich gerade keine Energie in mir, diesen Prozess zu wiederholen.

Allerdings könnte ich und kann ich jetzt nur eine Sache tun: meine Ruhe bewahren. Unsere Rückkehr war und ist voll Unsicherheiten, aber nachdem unser Heimflug geklappt hatte, und um ruhig während meiner Quarantäne und darüber hinaus zu bleiben, rief ich andere PPPler an, rief ich alte und neuere Freunde und Freundinnen von mir an und machte ich Yoga mit einer deutschen YouTuberin. Jetzt spinnt die Welt und ich kann sie nicht stoppen; also versuche ich, meine Ruhe zu behalten.

Und je länger ich über alles nachdenke, desto klarer wird es mir, wie dankbar ich sein sollte. Ich bin gesund. Die Menschen, die ich liebe, sind gesund. In den USA hatte ich einen Platz gehabt, zu dem ich zurückkehren konnte, und ich werde hier versichert. Meine Situation ist überhaupt gut.

Darüber hinaus waren die acht Monate, die ich in Deutschland verbrachte, eine der besten Zeiten meines Lebens. Ich lernte eine tiefgründige, ausdrucksfähige Sprache und entdeckte dadurch meinen neuen Lieblingsautor, Hermann Hesse. Die acht Wochen in denen ich meinen Deutschkurs am Bodensee machte waren traumhaft. Dort waren meine PPP Kommiliton*innen lustig, meine Lehrer*innen hilfsbereit und meine Gastfamilie herrlich. Und obwohl der Übergang nach Münster schwierig war, hatte ich bis zur Pandemie viele der Herausforderungen bewältigt oder war dahin unterwegs. Dafür habe ich vielen Leuten zu danken: meinen Professoren, meiner Deutschlehrerin und Tandempartnerin, meinem zweiten Mitbewohner, meiner Chefin und meinem Chef in Saerbeck, dem Kollegen, der mir mit meinem Umzug half – die Liste ist riesig, und ich bin dankbar für sie alle.

Badeausflug mit Freunden an den Brienzersee

Mit der vierten Regel komme ich nicht so super zurecht. Alles ist genau so, wie es sein soll – die Idee widerspricht ein wenig unserer Willensfreiheit, und ich halte mir dieses Entscheidungsvermögen nah am Herzen. Aber ich muss doch gestehen, nun hoffe ich etwas auf die Wahrheit dieses Spruches. Ich hatte vor, im Sommer einen intensiven Spanischkurs im Bundestaat Vermont zu machen und danach mit einem Job im Bereich Klimaschutz in Deutschland anzufangen. Doch vielleicht wird der Kurs nicht mehr stattfinden und von daher meine Arbeitssuche mir früher gelingen; vielleicht sehe ich irgendwie den Bodensee vor dem Ende des Sommers wieder. Alles ist genau so, wie es sein soll – teilweise ja, teilweise kann ich mir aber die Mühe geben, um das Beste aus der Situation zu machen und inzwischen die kleinen Siege und das Vergnügen genießen.

Einige Tage vor unserem Rückflug schickte ein Freund aus Münster mir ein Lied. „Heute hier, morgen dort / bin kaum da, muss ich fort“ – so geht der Text. So fühlte ich es. Und wenn ich mich an das Programmjahr erinnere, werde ich wahrscheinlich lange sowohl Freude als auch Trauer erleben. Aber nie werde ich es bereuen. Ich bleibe in Kontakt mit den Menschen, die ich in Deutschland kennenlernte. Ich bleibe nah zur schönen Sprache. Zwar war die Erfahrung zu kurz, aber ich halte sie trotzdem für unmessbar wertvoll. Also zukünftige PPPler, ich sage euch: Sprecht die Sprache trotz der Hemmungen, lernt das lokale Volk kennen, schreibt täglich eure Gedanken auf und verlebt das Jahr so, dass wenn ihr morgen fort müsstet, ihr sagen könntet: “ich habe mein Bestes gegeben”.

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