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“Ich Dachte Corona Hätte Mein Leben Langweilig Gemacht, Aber Es Hat Es Nur Geändert.”

“Ich dachte Corona hätte mein Leben langweilig gemacht, aber es hat es nur geändert.”

Aiyona Hayman, US-Amerikanische Teilnehmerin des 36. Programms, teilt dasselbe Schicksal wie ihr PPP Kollege Andrew Fallone, den wir im letzten Beitrag vorgestellt hatten. Auch sie haben wir gebeten, uns von ihrer Situation zu erzählen und wie sie damit umgeht:

Ich heiße Aiyona Hayman und bin 22 Jahre alt. Ich komme aus Catawissa, Pennsylvania und habe dort Kreatives Schreiben und Englische Literatur studiert.

Ich bin in Aachen, Deutschland platziert und habe hier Germanistik und Linguistik ein Semester lang studiert. Danach habe ich ein Praktikum in Köln bei einem Online Verlag gemacht. In unserer Firma haben wir ein sehr internationales Team und deshalb denke ich, haben wir so früh Maßnahmen gegen Corona ergriffen. Im Februar, bevor ich es ernst genommen habe und bevor Deutschland offizielle Regeln eingeführt hat, haben wir zum Home-Office gewechselt. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht gedacht, dass ich persönlich von Corona betroffen sein würde.

Damals war die erste Sache außerhalb meiner Arbeit, die von Corona betroffen war, das Jewrovision*. Ich hatte seit November bei der jüdischen Gemeinde ehrenamtlich gearbeitet und habe das Jugendzentrum mit geleitet. Wir haben geplant mit unserer Gruppe im März nach Berlin zum Jewrovision zu fahren, aber es wurde wegen Corona abgesagt. Nach der Absage und dem Wechsel zum Home-Office hat sich alles für mich geändert.

Als ich Zuhause saß und arbeitete, fiel es mir schwerer zu atmen. Seitdem ich ein Kind war habe ich Asthma und besuchte deswegen im März eine Ärztin. Weil ich zur Risikogruppe für Corona gehöre, war es mir nicht möglich zu fliegen, da dies laut meiner Ärztin meine Gesundheit drastisch verschlechtern könnte. Seitdem habe ich sehr aufgepasst und social distancing ernst genommen.

Die Synagoge und das Jugendzentrum wurden geschlossen. Unser wöchentliches Freitagsgebet findet nicht mehr statt und die Gemeinde, der ich so nahe war, fühlte sich plötzlich so fern an.

Wir haben als Madrichim (Leiter*innen auf Hebräisch) versucht, das Jugendzentrum mit Zoom über das Internet weiter am Leben zu erhalten. Wir haben Online-Aktivitäten angeboten, aber es haben leider nicht mehr als drei Kinder teilgenommen. Es gab sogar einen Punkt, an dem kein einziges Kind teilgenommen hat. Die Online-Aktivitäten waren einfach nicht interessant genug für Kinder, weil sie jünger als dreizehn Jahre alt sind. Es war klar, dass das Jugendzentrum eine Pause machen musste.

Aiyona’s eigene Kreation: Amerikanisch-Türkische Cupcakes

Ohne das Jugendzentrum als Freizeitaktivität musste ich etwas anderes finden. Ich dachte, dass ich etwas backen will, das ich aus den USA vermisse: Cupcakes. Ich ging zum türkischen Supermarkt, weil er der nächste Markt zu mir ist und kaufte Zutaten für ein neues Rezept: Rosenwasser, Pistazien, Kardamom und andere Gewürze. Ich dachte, ich mache eine Mischung von etwas Amerikanischem und Türkischem. Ich rief meine drei kleinen Schwestern an und zeigte ihnen meine neue Kreation. Ich wünschte mir, dass sie sie probieren könnten.

Als sich der Coronavirus in Deutschland weiter ausbreitete, hat er sich ebenfalls in den USA weiter ausgebreitet. Ich machte mir Sorgen, weil meine Mutter Krankenschwester ist und ich hatte das Gefühl, dass Deutschland viel besser und schneller als die USA reagiert hat. Die Menschen aus dem kleinen Dorf, aus dem ich ursprünglich komme denken, dass ihnen nichts passieren könne. Meine Familie ist immer noch gesund, dennoch mache ich mir Sorgen.

“Ich dachte Corona hätte mein Leben langweilig gemacht, aber es hat es nur geändert”

Im Mai hatte ich Geburtstag und ich habe realisiert, dass ich so viel von diesem Geburtstag erwartet habe, weil ich wusste, dass ich in Deutschland sein würde. Corona hat alle meine Pläne zunichte gemacht. Ich dachte mir, ich unternehme etwas. Ich erkundete Aachen, fand einen jüdischen Friedhof und fand ein Grab mit dem gleiche Nachnamen, Hayman, aber mit zwei ‘n‘ buchstabiert, ‘Haymann’. Dann bin ich noch weitergelaufen und fand ein kleines Stück Pennsylvania: einen Bauernhof.

Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und als ich Pferde und Kühe gesehen, die Erde gerochen und Traktore gehört habe, fühlte ich mich wie Zuhause. Es war eine perfekte Erinnerung an meine Familie, mein altes Leben. Das war genau das, was ich an meinem Geburtstag gebraucht habe. Ich dachte nicht, dass ein Stück Pennsylvania in Aachen existieren würde.

Ohne Corona hätte ich dieses Stück nicht gefunden. Ich dachte Corona hätte mein Leben langweilig gemacht, aber es hat es nur geändert. Obwohl man sich nicht mehr mit Leuten treffen kann, habe ich neue Erfahrungen gemacht und eine neue Sicht auf die Stadt Aachen gewonnen. Ich hoffe, dass andere Leute während dieser schweren Zeit aufpassen, gleichzeitig auch etwas Neues zu entdecken und die Gemeinde mehr wertzuschätzen.

 

*Jewrovision ist laut eigenen Angaben der größte jüdische Gesangs- und Tanzwettbewerb Deutschlands und Europas. Teilnehmen dürfen Kinder und Jugendliche zwischen 10 bis 19 Jahren, zusammen mit dem Jugenszentrum ihrer jüdischen Gemeinde. Weitere Infos finden Sie unter: www.jewrovision.de

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