Überspringen zu Hauptinhalt
Eine Angeregte Unterhaltung Ohne Ein Einziges Wort

Eine angeregte Unterhaltung ohne ein einziges Wort

Das Parlamentarische Patenschafts-Programm wurde 1983 mit dem Ziel ins Leben gerufen, gegenseitige Vorurteile zwischen unseren beiden Ländern abzubauen sowie die persönliche und berufliche Entwicklung der Programmteilnehmer*innen zu fördern. Diese Ziele können nur durch die vielfältigen Begegnungen und Interaktionen mit den Menschen des jeweiligen Gastlandes erreicht werden. Wir haben Dan Sicorsky, US-amerikanischer Teilnehmer des 36. PPP, gebeten von seiner bereicherndsten Begegnung während seiner Zeit in Deutschland zu berichten.

Mein Name ist Dan Sicorsky. Ich wurde in Buenos Aires, Argentinien, geboren und zog mit meiner Familie nach Miami, Florida, als ich fünf Jahre alt war. Dort lebte ich bis 2015, dann ging ich in den Mittleren Westen der USA, um an der Washington University in St. Louis, Missouri, zu studieren. 2019 schloss ich mein Studium der Politikwissenschaft mit dem Nebenfach Kreatives Schreiben ab. Sehr bald darauf saß ich im Flugzeug nach Deutschland für mein Programmjahr beim PPP / CBYX.

Dan Sicorsky in Saarbrücken

Eine der bereicherndsten Begegnungen, die ich in Deutschland hatte, fand keine drei Wochen nach meiner Ankunft statt. Meine Saarbrücker Gastfamilie hatte mich eingeladen, mit ihnen nach Rechlin, einer kleinen Stadt am Müritzsee, zu reisen. Die Schwester meiner Gastmutter hatte dort gerade ein heruntergekommenes Haus gekauft und lud uns ein, das Wochenende dort zu verbringen und es zu renovieren.

Wir kamen an einem Donnerstagabend spät an. Am darauffolgenden Freitagnachmittag, nachdem ich einen ganzen Tag lang Nägel von den Wänden und Teppiche vom Boden entfernt hatte, saß ich auf einem verlassenen Dock, schrieb eine Geschichte in mein Tagebuch und starrte ins Wasser. Es war windig und ich schaute immer wieder aufs Wasser hinaus, beobachtete die Wellen und genoss die Ruhe der Szene.

Wie aus dem Nichts kam ein Ehepaar mittleren Alters auf das Dock und sah die ganze Zeit zu mir herüber. Sie passierten die Stelle an der ich saß und gingen zum Ende des Docks, etwa 7 Meter entfernt. Als ich ihre Aufmerksamkeit erregte, lächelte ich, und sie lächelten zurück und schauten weg, wobei sie sich vielleicht ein wenig schämten, weil sie mich angestarrt hatten.

Ich kehrte zum Schreiben in mein Tagebuch zurück. Nach ein oder zwei Minuten kam die Frau auf mich zu und begann, mit den Händen einen Satz zu zeigen; da wurde mir klar, dass sie und ihr Begleiter taub waren und weder hören noch sprechen konnten.

Sie zeigte auf mein Tagebuch. Ich bot ihr meinen Stift an, und sie nahm ihn und schrieb in mein Tagebuch: Woher kommst du? Das war erst die dritte Woche, in der ich in Deutschland war und das waren Sätze, die ich gerade erst zu verstehen lernte. Dennoch fühlte ich mich so glücklich, dass ich die einfache Frage dieser Frau verstehen konnte. Sie und ich teilten eine gemeinsame Sprache.

Dan’s Gesprächsnotizen

Ich schrieb meine Antwort zurück und zeigte mit meinen Händen auf sie, um zu sagen: Und woher kommt ihr? Ich war zu schüchtern, um diese Frage aufzuschreiben; ich wusste, dass ich viele grammatikalische Fehler machen würde. Ich wusste nicht, wie ich meine nächste Frage mimen sollte, also schrieb ich sie so gut es ging auf: Und warum seid ihr hier in Rechlin?

Das Gespräch ging hin und her. Ich hatte den Eindruck, dass sie, wie ich, auch Schriftsteller sind, also fragte ich auch dies. Nein, nein, antworteten sie. Nur eine Mutter und ein Vater im Urlaub. Ich fragte nach ihren Kindern und sie kommunizierten mit ihren Händen—und wenn ich jetzt daran zurückdenke, kann ich nicht sagen, wie ich verstand, was sie meinten—dass ihre beiden Kinder vollständig verbal sind. Sie teilten dies mit Stolz.

Der rührendste Moment unseres kurzen Gesprächs kam am Ende. Monika, als ich ihren Namen lernte, fragte mich, wie viele Sprachen ich spreche. Ich antwortete, dass ich Englisch und Spanisch spreche und dass ich Deutsch lerne. Sie beklagte, dass sie und ihr Mann sich nur auf Deutsch verständigen können. Mit dem begrenzten Deutsch, das ich hatte, schrieb ich: Eine Sprache ist viel.

In diesem Moment eine Sprache war wirklich viel: obwohl wir Fremde für einander waren, konnten wir trotzdem mit nur einer Handvoll Worte eine herzliche Verbindung aufbauen.

Dieser Beitrag hat 0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

An den Anfang scrollen