Überspringen zu Hauptinhalt
Dear USA,

Dear USA,

Vom 30. Oktober bis 2. November reiste der Bundespräsident mit einer deutschen Delegation nach Boston, um dem 30-jährigen Jubiläum des Mauerfalls zu gedenken und offziell das Ende des deutsch-amerikanischen Freundschaftsjahres unter dem Motto “Wunderbar Together” einzuläuten. Dabei durften ihn auch zwei ehemalige Teilnehmende des PPP für junge Berufstätige begleiten. In diesem Beitrag beschreibt Clara Kallich ihre Gefühle zu den USA, und wie sich diese über die letzten Jahre verändert haben.

Liebe USA,
hätte eine Wahrsagerin im Jahr 2017 mir durch ihre Glaskugel eine enge Freundschaft und Zuneigung zu Dir vorausgesagt, ich hätte es mit einem ungläubigen Lächeln beantwortet.
Nun, im November 2019, schreibe ich Dir, beflügelt durch eine Reise in Deine Stadt Boston, bei der ich den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier als Mitglied der Delegation begleiten durfte, mit der Hoffnung, dass die entstandene Verbundenheit nur noch enger wird. Anlass dieser besonderen Fahrt waren die Feierlichkeiten zum 30-jährigen Mauerfall und zum Ende des deutsch-amerikanischen Freundschaftsjahres „Wunderbar together“.

Clara Kallich und Marius Putzke – PPP-Vertreter während der Delegationsreise des Bundespräsidenten

Unsere Freundschaft startete holprig, denn um ehrlich zu sein, schloss ich von Deinem aktuellen Präsidenten direkt auf Dich. In der öffentlichen Debatte wirst Du, auch noch heute, für Trump und sein Kabinett kritisiert, die sich nicht um eine harmonische transatlantische Beziehung zu bemühen scheinen. Vorwürfe, über nicht eingehaltene Beitragszahlungen und Aufkündigungen von hart erarbeiteten Deals bestimmen den Kurs und ich stand Dir damals sehr skeptisch gegenüber. Doch so richtig wollte ich uns nicht aufgeben, zu sehr trieben mich die Fragen um, was bei Dir los ist, was Deine Einwohner bewegt, und wie es um das transatlantische Bündnis wirklich steht.
Mein PPP-Jahr, 2018/19, in Georgia war geprägt von vielen interessanten Begegnungen und einer immerwährenden Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wurde. Viele Deiner Einwohner haben ein positives Bild von Deutschland und sehen, im Gegensatz zu vielen Deutschen, das transatlantische Verhältnis als wunderbar an. Bei meiner Reise mit dem Bundespräsidenten, wurde die Bedeutung der Verbundenheit zwischen dir und meinem Heimatland durch die tiefgreifenden historischen Ereignisse immer wieder betont.

Dir, liebe USA, habe ich sowie viele andere der jüngeren deutschen Generation, tatsächlich viel zu verdanken und das ist nichts Geringeres als die Demokratie, in der wir aufgewachsen sind. Freie Meinungsäußerung und Expressionsfreiheit, beispielsweise in Kunst und Musik, war lange keine Selbstverständlichkeit. Viele in Deutschland geborene Intellektuelle flohen vor und während des 2. Weltkrieges und erhielten Schutz bei Dir im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Clara vor dem Gropius-Bau in Massachusetts

So auch Walter Gropius, der 1934, nachdem die Nationalsozialisten seine Kunst als entartet bezeichneten, nach Massachusetts floh. Sein Wohnsitz in Lincoln haben wir mit der Delegation besucht und begeisterten uns erneut von der Einzigartigkeit seiner Architektur und des modernen Einrichtungsstils. Nach dem Sieg der alliierten Mächte über Nazi-Deutschland haben meine Vorfahren Demokratie aufs Neue lernen müssen. Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, dass „NIE WIEDER“ ein Mensch wegen seiner Äußerlichkeiten, seiner Religion oder seiner politischen Meinung befürchten muss angefeindet zu werden. Und doch: bei mir zu Hause als auch bei dir erleben wir einen erstarkenden Populismus, der sich bewusst gegen „Andere“ stellt. Diese gesellschaftliche Herausforderung können wir nicht mit nationalstaatlichen Lösungen entgegentreten. Daher diskutierten wir mit amerikanischen und deutschen Journalisten sowie Philosophen bei einem gemeinsamen Arbeitsfrühstück, wie dieser Entwicklung entgegengewirkt werden kann.
Dass gemeinsamer Wissensaustausch auch für die Beantwortung ethischer Fragen der Globalisierung essenziell ist, bewies die Diskussion an der Harvard Universität. Wie können wir hate speech aus sozialen Medien verbannen, wie können wir weniger diskriminierende Algorithmen erstellen? Bei offiziellen Reden werden häufig die Ereignisse der Geschichte, welche zweifelsfrei von immenser Bedeutung sind, betont, aber Du siehst an den obigen Beispielen: Du und mein Heimatland sind immer noch eng verbunden. In dieser globalisierten Welt muss Zusammenarbeit hochgehalten werden, um ähnliche, wenn nicht gleiche Probleme zusammen zu lösen. Das transatlantische Bündnis hat keinesfalls an Bedeutung verloren, nur weil es auf höchster politischer Ebene etwas zu kriseln scheint, da auch der zweite Besuch des Bundespräsidenten bei Dir ohne Staatsempfang blieb. Hinter den Kulissen sind wir Freunde und dass diese enge Verbundenheit noch besteht, wenn meine Enkelkinder Dich irgendwann besuchen, dafür müssen wir sorgen und mit vereinten Kräften eintreten.

Das Goethe-Institut bei Dir, zu dessen Wiedereröffnungsfeier, wir mit der Delegation kamen, leistet einen enormen Beitrag zu dieser Freundschaft „across the Atlantic“.

Der Bundespräsident bei seiner Rede im Goethe-Institut

Es hat mich wirklich beeindruckt, mit wie vielen Maßnahmen das Kulturinstitut der Bundesrepublik bei Dir Verständigungsarbeit leistet. Deutschkurse werden angeboten und auch mit der kreativen Idee von „Wiesn in a Box“ zeigen sie, dass Deutschland weit mehr ist als Bier, Brezeln und Schlagermusik. Während des Deutschlandjahres tourte ein „WanderbUS“ Durch Deine Staaten und erreichte auch in Midwest und South interessierte Menschen. Dieser „outreach“ in Gebiete fernab von den „blauen Küsten“ ist besonders wichtig. In einer Welt, die sich immer mehr in zwei Lager zu spalten scheint und das Gefühl entsteht, man stünde sich feindlich gegenüber, müssen wir vermehrt mit denen ins Gespräch kommen, die nicht unsere Meinung vertreten. Es ist nichts einzuwenden, sich mit Gleichgesinnten zu treffen und auszutauschen, aber Verständigung hört nicht dort auf, wo es unbequem wird.

Clara mit Congressman John Shimkus (R), bei dem sie ihr Praktikum im Capitol absolviert hat

Kannst Du Dich erinnern, als ich im Januar dieses Jahres das Praktikum in D.C. gemacht und für einen republikanischen Abgeordneten gearbeitet habe? Das „sich mit der anderen Seite auseinandersetzen“ war mit eine der größten Challenges meines Jahres. Nur durch diesen Austausch von Meinungsverschiedenheiten und das daraus resultierende Verstehen konnte ich Brücken zur anderen Seite bauen. Aber dies bedeutet ja noch lange nicht, dass ich mit den republikanischen Positionen einverstanden bin. Meinungskonsens ad infinitum ist keine Voraussetzung für eine gelungene Freundschaft! Unsere Verbundenheit lebt davon, dass wir offen für die Positionen des anderen sind, dass wir uns gegenseitig mit Neugierde und Respekt zuhören, verstehen lernen und trotz Differenzen zusammenhalten; Also warum nicht mal Staatsbesuche in den „bible belt“ absolvieren?

Für ein Immerwährendes „wunderbar together“ von Deutschland und Dir müssen Kulturaustauschprogramme weiterhin existieren. Mein Bild von Dir hat sich durch das PPP-Jahr positiv verändert und so ging es auch zahlreichen anderen Schülern, Schülerinnen und jungen Berufstätigen des PPP. Durch persönliche Beziehungen konnten wir Vorurteile abbauen und Verständnis für Dich entwickeln. Mir wurde dies ganz ohne herausragendes Abitur oder exzellenten Ausbildungsabschluss ermöglicht. Daher, liebe USA, hoffe ich, dass sich Austauschprogramme, die sich nicht an die Elite der Gesellschaft richten, weiter ausgebaut werden, weil Brücken in allen Teilen der Gesellschaft gebaut werden müssen. Wie Frank-Walter Steinmeier beim Arbeitsfrühstück betonte: gerade junge Menschen müssen sich vermehrt für demokratische Werte einsetzen. Dem füge ich hinzu: auch unabhängig eines Auslandsaufenthaltes. Bei einem Mittagessen mit Elke Büdenbender, der Frau des Bundespräsidenten, und einigen Mitgliedern der „Youth Lead the Change“- Organisation haben wir erfahren, wie Demokratie neu gedacht werden kann. Raus aus der alten Denke, hin zu neuen Wegen zur Förderung politischen Engagements.
Bei der Eröffnung des Goethe-Institut schloss Frank-Walter Steinmeier mit den Worten:

Liberal democracy itself is our task, and it truly is a great task. A task that is bigger than ourselves. And most importantly: a task for which we both need partners. So: If we still believe in the great task of democracy, we should still believe in this transatlantic partnership. I do.

And I do too.

Liebe USA, diese einzigartige Reise mit dem Bundespräsidenten war für mich der krönende Abschluss eines bewegenden PPP-Jahres. Alles, was ich bei Dir erleben durfte, erfuhr ich in diesen zwei Tagen komprimiert wieder. Ich freue mich, Dich bald wieder zu besuchen und werde bis dahin von unserer Freundschaft berichten.

gez. Clara Kallich, 35. PPP, gelernte Industriekauffrau z.Z. Studentin der Politikwissenschaften

Schreibe einen Kommentar

An den Anfang scrollen