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Jugendbegegnung Des Deutschen Bundestags 2017

Meine Erfahrung als Teilnehmer der Jugendbegegnung des Deutschen Bundestages 2017

Ein Teilnehmerbericht des 33. PPPs

Vorletzte Woche nahm ich an der internationalen Jugendbegegnung zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus 2017 teil. Jedes Jahr lädt der Deutsche Bundestag 80 Jugendliche ein, an dieser Veranstaltung teilzunehmen, und jedes Jahr steht eine besondere Gruppe von Opfern von dem Nationalsozialismus im Fokus der Veranstaltung. Dieses Jahr konzentriert sie sich auf das „Euthanasie“-Programm und die behinderten Menschen, die in dessen Verlauf ermordet wurden. Laut des Bundestages war das Ziel des Programms „die Auseinandersetzung mit der Geschichte der ‚Euthanasie‘ im nationalsozialistischen Deutschland, mit der Erinnerung an diese Verbrechen in den Herkunftsländern der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sowie mit seiner Aufarbeitung nach 1945“. Dieses Jahr hatte ich wegen eines Sommerpraktikums bei dem AJC Berlin Ramer Institute for German Jewish Relations das Glück zu diesem Programm eingeladen zu werden. Ich wusste nicht, was ich erwarten sollte, aber ich dachte, es wäre eine einzigartige Veranstaltung.

Am Montag den 23. Januar traf ich mich zum ersten Mal im Paul-Löbe Haus neben dem Bundestagsgebäude mit den anderen Teilnehmern und den Organisatoren des Programms. Die Organisatoren stellten das Programm vor und wir fingen an, einander kennenzulernen. Die 80 Teilnehmer wurden in fünf Arbeitsgruppen eingeteilt, damit wir besser diskutieren und lernen konnten. Am ersten Tag besprachen wir in der Arbeitsgruppe, was wir unter der Woche lernen wollten und was wir vom Programm erwarteten und uns erhofften. Nachdem wir zu Abend gegessen hatten fuhren wir von Berlin nach Pirna. Wir verbrachten Dienstag und Mittwoch an der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, eine ehemalige Anstalt für behinderte Menschen und während der NS-Zeit eine Tötungsanstalt. 13.720 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen wurden von den Nationalsozialisten im Rahmen des „Euthanasie“-Programms „Aktion T-4“ an diesem Standort umgebracht.

Redner Sebastian Urbanski in einer Gesprächsrunde mit den Teilnehmern © DBT / Stella von Saldern

Während unseres Aufenthalts in Pirna lernten wir viel über die Geschichte des „Euthanasie“-Programms und diskutierten den Ursprung dieser Ideologie. Es war manchmal schmerzhaft zu erfahren, wie dieses Programm durchgeführt wurde. Als ich den zweiten Weltkrieg und Nationalsozialismus an der Universität studierte, wusste ich, dass es viele unterschiedliche Opfer gab, aber ich konzentrierte mich auf die jüdischen Opfer. Die umfangreiche „Euthanasie“ im nationalsozialistischen Deutschland war ein unglaublich großes Verbrechen, und es war für mich sehr bedeutsam, mich vor Ort mit diesem wichtigen Thema beschäftigen zu können. Woran ich mich aber von unseren Tagen in Pirna am besten erinnere war eine Führung durch die heutige Werkstatt. Seit ungefähr 15 Jahren arbeiten um die 500 Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen in dieser Werkstatt in der damaligen Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein. Wir hatten die Gelegenheit, sie zu besichtigen. Ich fand es sehr bedeutsam und wichtig, dass heute Menschen mit Behinderungen hier arbeiten. Ihre Anwesenheit an diesem Standort ist eine starke Aussage, die nicht nur zeigt, dass die „Euthanasie“-Pläne der Nationalsozialisten scheiterten, sondern auch dass sie moralisch falsch waren und sich nie wiederholen dürfen.

Nach unserem Aufenthalt in Pirna fuhren wir am Mittwochnachmittag zurück nach Berlin. Am Donnerstag besichtigten wir das Denkmal für die Opfer der T4-Aktion des „Euthanasie“-Programms, das Bundestagsgebäude und auch das Krankenhaus Charité, um mehr über die Geschichte der „Euthanasie“ und die beteiligten Ärzte zu lernen. Am Abend besuchten wir die Topographie des Terrors und schauten uns den machtvollen Film „Nebel im August“ an. Es geht in diesem Film um die tragische Geschichte der Kinder-„Euthanasie“. Nichts war diese Woche einfach oder angenehm, vor allem nicht dieser Film. Nachdem wir Pirna-Sonnenstein besucht hatten war es noch schwieriger, so einen Film anzuschauen. Ich habe mit den Figuren mitgefühlt und war besonders darüber verärgert, dass Kinder solche schrecklichen Dinge durchleben mussten. Das sollte auf gar keinen Fall passieren können oder dürfen.

Der letzte Tag der Jugendbegegnung war offiziell und formell, aber auch sehr bewegend. Dieser Tag war der 27. Januar 2017, der jährliche Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Als Teilnehmer der Jugendbegegnung durften wir bei der Gedenkstunde im Bundestag anwesend sein und hinter den Abgeordneten sitzen. Wir hörten Reden von dem Bundestagspräsidenten Norbert Lammert und zwei Menschen, die Verwandte durch das „Euthanasie“-Programm verloren haben. Es gab auch Musik, die von Menschen mit Behinderungen vorgetragen wurde. Ich fand die Zeremonie sehr bedeutsam, und ich bin sehr froh, dabei gewesen sein zu dürfen. Ich finde es wirklich gut und bedeutungsvoll, dass die deutsche Regierung jedes Jahr eine solche Gedenkstunde veranstaltet. Nach der Gedenkstunde nahmen wir an einer Diskussion mit den zwei Rednern teil, Ulla Schmidt (Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages) und Sebastian Urbanski, einem Schauspieler mit Down-Syndrom. Nach der interessanten Diskussion aßen wir zu Mittag und hatten ein Schlussprogramm mit den Organisatoren der Jugendbegegnung, in dem wir Kommentare und Vorschläge für die Jugendbegegnung machen durften.

Die Teilnehmer der Jugendbegegnung an der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein © DBT / Stella von Saldern

Bevor ich zum Schluss komme, möchte ich sagen, dass ich während dieser Woche richtig viel gelernt habe – nicht nur von den Organisatoren des Programms, sondern auch von den anderen Teilnehmern. Die meisten Teilnehmer waren Deutsche zwischen 18 und 21 Jahren, die sich durch ihr Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) oder andere Projekte auf irgendeine Art und Weise mit dem Nationalsozialismus, der Geschichte, behinderten Menschen, Juden oder Rassismus beschäftigen. Ich war ständig beeindruckt von dem Wissen, den Fragen, der Offenheit und dem Einfühlungsvermögen dieser Menschen. Dass junge Deutsche sich mit diesem Thema auseinandersetzen und an einer solchen Veranstaltung teilnehmen hat auf mich einen tiefen Eindruck hinterlassen.

Abschließend lässt sich sagen, dass ich sehr dankbar bin, dass ich an der Jugendbegegnung 2017 teilnehmen durfte. Ich habe dieses Jahr während meiner Teilnahme am Parlamentarischen Patenschafts-Programm viele einzigartige Gelegenheiten, und dieses Programm ist bestimmt eine der bedeutungsvollsten.

Ein Beitrag von Jesse Gamoran, amerikanischer PPP-Teilnehmer 33. PPP

(Titelbild © DBT / Stella von Saldern)

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